Digitaldruck-Technologie macht den Siebdruck überflüssig? Das haben viele jahrzehntelang gedacht – und sich gründlich geirrt. Hier steht, wo Siebdruck bis heute seine Vorteile ausspielen kann, warum hybride Workflows vielleicht sogar die Zukunft sind, und welche Veränderungen das für Druckdienstleister bringt.
Siebdruck, das klingt auch für viele Fachkräfte innerhalb der Druckindustrie eher nach Vergangenheit als nach Zukunft. Und tatsächlich reicht die Geschichte des Siebdrucks in Europa bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück.
Besonders in Deutschland wurden in den sechziger und siebziger Jahren viele Siebdruckereien gegründet. Aus ihnen entwickelten sich um die Jahrtausendwende dann oftmals Digitaldruckdienstleister.
Noch heute zählt Deutschland zu den führenden Standorten für Siebdruckfarben, Spezialchemie und Druckmaschinen. Unternehmen wie EMM, Thieme, Marabu oder Kiwo treiben die Entwicklung der Technologie weiter voran und erschließen ihr neue Anwendungsbereiche.
Siebdruck: Von der grafischen Industrie zu industriellen Anwendungen
Der größte technische Vorteil des Siebdrucks liegt im hohen Farbauftrag. Dadurch entstehen besonders brillante Farben, intensive Deckkraft und langlebige Druckergebnisse. In der grafischen Industrie wanderten Druckaufträge für Poster, Karton-Verpackungen oder Beschilderung in den letzten 30 Jahren trotzdem massiv vom Sieb- zum Digitaldruck.
Da der Digitaldruck im Gegensatz zum Siebdruck keine Druckvorlagen kennt, kann er mit Schnelligkeit und Flexibilität punkten. Hinzu kommt, dass es für viele Digitaldruckmaschinen nur einen einzigen Tintensatz gibt. Dieser funktioniert auf einer Vielzahl von Untergründen, z.B. Textilien, Glas, Metall, Kunststoff oder technische Folien. Das spart Zeit, denn es gibt keinen Farbwechsel. Dadurch müssen beim Digitaldruck auf speziellen Substraten aber auch viele Kompromisse eingegangen werden.
Siebdruckfarben und Chemikalien zur Vorbehandlung werden dagegen speziell für bestimmte Anwendungen wie z.B. Glas- oder Textildruck entwickelt. Im Hochschichtdruck sind im Siebdruckverfahren Schichtdicken bis 1 mm möglich. Das hat dem Siebdruck neue Möglichkeiten jenseits der grafischen Industrie eröffnet.
„Die Stärken des Siebdruckverfahrens werden heute in industriellen Anwendungen gebraucht und geschätzt, die über den klassischen Grafikdruck hinausgehen. Da sind Beispiele wie Human Machine Interfaces, funktionale Etiketten, RFIDs und Antennen, Solarmodule, aber auch der Textil- und T-Shirt-Druck“, sagt dazu etwa Prof. Dr.-Ing. Nicole Lindenmann von der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Gedruckte Elektronik: Innovationsmotor für den industriellen Siebdruck
Tatsächlich bietet gerade das Themenfeld gedruckte Elektronik enormes Wachstumspotenzial für den Siebdruck. Hier entwickelt er sich vom dekorativen Druckverfahren zum funktionalen Produktionswerkzeug.
Das betont auch Lindemann: „Der Siebdruck ist dort ein Herstellungsverfahren, das hochwertige funktionale Anwendungen ermöglicht und Anwendungsfelder mit hohen Material- und Qualitätsanforderungen bedient. Diese Transformation ist dadurch möglich, dass es im Siebdruck eine fast unbegrenzte Auswahl an verarbeitbaren Materialien gibt. Damit werden Features und Funktionalitäten druckbar, die mit anderen Verfahren nicht oder nur schwer zur erreichen sind.“
Marktanalysen prognostizieren für die Branche in den kommenden Jahren hohe Wachstumsraten, was den industriellen Siebdruck zu einem der spannendsten Innovationsfelder der Druckindustrie macht. So sieht etwa Credence Research in einer aktuellen Studie eine weltweite, jährliche Wachstumsrate von 7,5% bis zum Jahr 2023 für den industriellen Siebdruck.
Für viele Siebdruckereien eröffnet sich dadurch die Chance, neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Sie können dadurch den Rückgang klassischer grafischer Aufträge kompensieren und haben sogar die Chancen auf ein Wachstum im Einklang mit dem Gesamtmarkt.

Vorhandene Maschinen und Produktionsanlagen lassen sich häufig weiter nutzen, während neue Kompetenzen in den Bereichen Qualitätssicherung, Elektronik und Prozesskontrolle aufgebaut werden. Auch Lindemann sieht daher „ein riesiges Potential für dieses Fertigungsverfahren“.
Siebdruck für Textil und Werbeartikel
Die im Vergleich zum Digitaldruck wesentlich höhere Widerstandskraft gegenüber Abrieb, UV-Strahlung, Chemikalien und Waschzyklen hat dem Siebdruck aber auch weitere Bereiche bewahrt.
So kommt Siebdruck nach wie vor häufig für die Herstellung von Innendekoration zum Einsatz. Also z.B. in der Produktion hochwertiger Tapeten und Wandbespannungen, Oberflächen- und Boden-Laminate oder für Sonnenschutzprodukte wie Rollos und Markisen. Hier werden pro Motiv große Mengen produziert, sodass die Herstellung der Siebe, Einrichten, Vor- und Nachlauf weniger stark ins Gewicht fallen.
Auch im Textildruck bleibt der Siebdruck bevorzugte Technologie für viele Werbe-T-Shirts, Workwear, Merchandise und Vereinsbekleidung. Besonders einfache, grafisch abstrakte Motive mit nur einer oder zwei Farben kann man mit manchen Siebdruck-Karussells bereits ab Auftragsgrößen von ca. 25 Stück zu ähnlichen Preisen wie mit Digitaldruckverfahren wie DTF herstellen. Hinzu kommt, dass sich im Siebdruckverfahren auch exklusive Aufdrucke, z.B. mit Metallic oder Glitzer, problemlos und haltbar realisieren lassen.

Ähnliches gilt bei personalisierten Produkten und Werbeartikeln. Hier wird ein- oder zweifarbiger Siebdruck vor allem auf farbigen, planen Kunststoffoberflächen eingesetzt. Im Vergleich zum UV-Inkjet-Druck mit Weiß ist das schon ab ca. 100 Stück oft deutlich günstiger bei besserer Deckkraft und Haltbarkeit. Weil bei personalisierten und Werbeartikeln der Mehrwert vor allem im Namens-oder Logo-Druck besteht, ist das ein wichtiger Vorteil für den Siebdruck.
Gut möglich, dass der aktuelle Trend zur Nachhaltigkeit für den Siebdruck gerade bei Druckaufträgen für Einrichtungsgegenstände, Konsumgüter und Textilien zum „Umsatz-Booster“ wird. Wenn Konsumenten Bekleidung oder Gegenstände im Haushalt länger nutzen wollen oder müssen, wird ein langlebiger Aufdruck zum echten Verkaufsargument.
Digitalisierung verändert den Siebdruck
Die Zukunft des Siebdrucks im digitalen Zeitalter liegt nicht im Wettbewerb mit dem Digitaldruck. Moderne Druckunternehmen setzen ohnehin unabhängig von der Drucktechnologie auf digitale Workflows. Vorstufe und Farbmanagement sind oft bereits weitgehend automatisiert.
Klassische Prozesse wie Sieberstellung, Auftragsplanung, Qualitätskontrolle und Produktionssteuerung werden dadurch deutlich effizienter. Dies reduziert Makulatur, beschleunigt Durchlaufzeiten und erhöht die Prozesssicherheit im Siebdruck.
Datengetriebene Produktionsprozesse und vernetzte Produktionssysteme als nächster Schritt vereinfachen neue, hybride Produktionsmodelle, in denen Digitaldruck und Siebdruck ihre jeweiligen Stärken kombinieren.
Die Zukunft des Siebdrucks ist digital und innovativ
Der Siebdruck im digitalen Zeitalter ist kein Auslaufmodell, sondern eine Technologie im Wandel. Dank Digitalisierung, Automatisierung und kontinuierlicher Innovation erschließt das Verfahren neue Märkte und Anwendungsbereiche. Die größten Potenziale entstehen dort, wo Siebdruck und Digitaldruck intelligent kombiniert werden.
Das verändert aber auch das Gesicht der Branche, betont Lindemann: „Wie sehr ist es noch ‚Druck‘? Natürlich brauchen Sie Ingenieure und Techniker, die sowohl die Drucktechnik beherrschen, aber auch eine Vorstellung davon haben, wie diese neuen funktionalen Anwendungen aussehen.
Sie fährt fort: „Deshalb verfolgen wir hier an der Hochschule der Medien den Ansatz, dass wir unseren Studierenden neben der Technik des Druckens auch die funktionalen Anwendungsfelder vermitteln. “
Für Druckdienstleister bedeutet dies, dass die Zukunft nicht in der Entscheidung zwischen analog und digital liegt. Erfolgreich werden jene Unternehmen sein, die beide Welten miteinander verbinden.
Schon mittelfristig wird sich dadurch aber auch das Bild der Mitarbeiter in Siebdruckereien wandeln: der kundige Handwerker arbeitet Seite an Seite mit Verfahrenstechnikern und Ingenieuren. Gut möglich, dass hier die größte Herausforderung für die Zukunft des Siebdrucks liegt.