Übernimmt jetzt der Computer in der Druckerei das Steuer? Neue Werkzeuge mit integrierter KI könnten die Industrie von Grund auf verändern. Es ist Zeit, sich dafür Strategien zurechtzulegen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist längst mehr als ein Schlagwort. In der Druckproduktion eröffnet sie neue Möglichkeiten, die weit über Automatisierung hinausgehen. Angesichts steigender Anforderungen an Geschwindigkeit, Qualität und Kosteneffizienz wird KI damit zum entscheidenden Faktor für Wettbewerbsfähigkeit. Doch was bedeutet das konkret für Digitaldruck und Werbetechnik?

KI in Design: Kreativität trifft Algorithmus
Im Bereich Design wird KI bereits massiv genutzt, und zwar vor allem in den Bereichen Illustration, Bildbearbeitung und Layout. Profi-Software von Adobe nutzt über die gesamte Palette „Adobe Sensei“, die hauseigene Machine Learning Platform. Als generatives KI-Modell für kreative Inhalte, „Firefly“, stehen Basis-Funktionen für das breite Publikum sogar kostenlos zur Verfügung.
Auch weitere Profi-Design-Software wie Corel Draw oder Affinity sowie unzählige Apps für Endkunden nutzen KI bei der Erstellung von kreativen Inhalten. Dadurch können auch Personen ohne Design-Ausbildung einfache Illustrationen, Logos, Produktfotos und Layouts in ansprechender Qualität erstellen.
Das bedeutet, dass in Full-Service-Druckereien und bei Werbetechnikern bedeutende Einnahmequellen bei Beratung und Kreation wegbrechen könnten. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass die von Endkunden mit Hilfe von KI generierten Daten nicht ohne weiteres druckfähig sind. Hier ist also in der Druckvorstufe mit erhöhtem Aufwand zu rechnen.

KI bei der Druckvorbereitung: Automatisierte Prepress-Prozesse
In der Druckvorstufe ist die Automatisierung bereits weit fortgeschritten. Dies gilt vor allem für die Überprüfung angelieferter Daten sowie die Erstellung und Kontrolle komplexer Workflows. Hersteller wie Callas, OneVision oder Agfa bieten hier umfangreiche Suiten an, meist auf der Basis der Adobe PDF Print Engine. Das reduziert Ausschuss und beschleunigt die Produktion. Allerdings wird der Einsatz von KI hier meist noch nicht beworben.
Bei RIP-Funktionen wie Ausschießen und Verschachteln, aber auch bei Farbabstimmung und Rasterung sind bei den meisten Anbietern aber bereits seit Jahren sehr komplexe Algorithmen am Werk. Teilweise handelt es sich faktisch um „Expertensysteme“, also eine Art von KI, die aber für eine bestimmte Aufgabe trainiert worden ist. Inwieweit die rasanten Fortschritte bei der Forschung und Entwicklung hier weitere Verbesserung bringen können, bleibt abzuwarten.
Die Online-Druckerei Mixam wirbt bereits mit KI-Unterstützung, um (semi)professionelle Kundendaten schnell und zuverlässig zu optimieren. Typische Fehler wie fehlende Beschnittzugaben oder zu geringe Auflösung werden dort mit Hilfe von KI behoben, ohne dass ein Mensch eingreifen müsste.

KI bei der Optimierung des Workflows
Viele Druckerhersteller geben Anwendern die Möglichkeit, aktuelle Geräte bei Cloud-Services anzumelden. Beispiele sind
Kunden können dadurch Services wie etwa Fernüberwachung nutzen, außerdem Daten zu Auslastung und Tintenverbrauch einsehen. Es gibt teilweise auch die Möglichkeit, durch das ständige Monitoring Fehler und Probleme vorherzusagen. Dadurch können Wartung und Reparaturen vorsorglich angesetzt werden, sodass es gar erst nicht zu einem Systemausfall kommt. Für Druckereien ist das ein großer Vorteil.
Drucker- und RIP-Hersteller, aber auch die Anbieter von Schneidelösungen wie Zünd haben komplexe Workflow-Lösungen mit Cloud-Anbindung im Programm. Sie helfen Druckereien, ihre Kapazitäten besser zu planen und Lieferzeiten zu verkürzen. Es ist davon auszugehen, dass innerhalb der Cloud-Systeme KI bereits heute auf verschiedenen Ebenen eingesetzt wird, um die erhobenen Daten zu strukturieren und zu interpretieren.
KI in Verwaltung und Kundenmanagement
Auch im Backoffice verändert KI die Spielregeln. Enterprise Ressource Planning (ERP)-Systeme wie Lift und Advanter und Customer Relationship Management (CRM)-Applikationen wie Salesforce sind bei größeren Digitaldruckereien längst Standard.
Auch diese Applikationen greifen bereits teilweise auf KI zurück, um Kundendaten zu sortieren, Bestellverhalten zu prognostizieren und personalisierte Angebote zu automatisieren. Für Unternehmen bedeutet das: effizientere Kommunikation, höhere Kundenzufriedenheit und bessere Auslastung.
Für kleinere Betriebe aus Digitaldruck und Werbetechnik sind solche umfangreichem Software-Lösungen aber meist zu teuer, und letztlich auch im Vergleich zum Umfang der Aufträge zu aufwändig.
Doch auch sie können in der Verwaltung bereits von KI profitieren. So bietet etwa der Cloud-Dienst Microsoft 365 die Möglichkeit, einfache KI-Agenten zu erstellen. Mit einem Zusatz-Abo für ca. 20 Euro pro Nutzer und Monat lassen sich tiefgreifende Analysen und an das Unternehmen angepasste KI-gestützte Workflows auf der Basis von Microsoft-Produkten aufbauen. Ähnliche Möglichkeiten bietet auch die Google Cloud für kleine und mittlere Unternehmen.
KI und die Druckindustrie: Chancen nutzen, Risiken verstehen
KI wird in den kommenden Jahren die Druckindustrie ebenso grundlegend verändern wie andere Branchen und Geschäftsfelder. Kurz- und mittelfristig ist das grafische Gewerbe dafür womöglich sogar besser gerüstet als andere Zweige. Denn der Grad der Automatisierung und Digitalisierung ist bereits hoch, zudem sind viele Unternehmen sehr innovationsfreudig.
KI ist jedoch kein Ersatz für Fachwissen oder Fachkräfte. Sondern ein Werkzeug, das Prozesse beschleunigt und Qualität sichert. Unternehmen, die früh investieren, profitieren von geringeren Kosten und höherer Flexibilität.
Gleichzeitig erfordert der Einsatz von KI neue Kompetenzen und eine kritische Auseinandersetzung etwa zu Fragen des Datenschutzes, aber auch der Ausgestaltung von Beschäftigungsmöglichkeiten. Der Abbau von Einsteiger- und geringqualifizierten Arbeitsplätzen erscheint wahrscheinlich.
Die verbleibenden Jobs sind vermutlich eher technisch-analytisch als handwerklich geprägt. Das kann dazu beitragen, die Druckindustrie wieder attraktiver für hochqualifizierte Bewerber und motivierte Nachwuchskräfte zu machen. Allerdings sollten Unternehmen darauf achten, dass der durch KI beschleunigte Strukturwandel nicht auch wertvolles Produktionswissen und gesuchte manuelle Fertigkeiten aus den Unternehmen spült. Die Zukunft der Druckproduktion ist smart – aber sie bleibt eine gemeinsame Aufgabe von Menschen und Maschinen.