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Stärker als je zuvor: der Siebdruck

by Sonja Angerer | 12.05.2022
Stärker als je zuvor: der Siebdruck

Der Siebdruck ist in der grafischen Industrie und anderen Branchen immer noch sehr lebendig. Hier finden Sie einen kurzen Überblick über die Geschichte dieser faszinierenden Technologie und ein Ausblick auf die Zukunft.

Der Digitaldruck hat sich in den Industrieländern zum Quasi-Standard der Drucktechnologie entwickelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Verfahren völlig verschwunden sind. In einigen Marktsegmenten sind sie sogar besser positioniert als je zuvor. Der Siebdruck ist dafür ein prominentes Beispiel.   

In diesem Artikel geht es deshalb um:   

  • die Geschichte des Siebdrucks, 
  • wichtige aktuelle Nischen in den Bereichen Kunst, High‐End‐Veredelung, Textildruck und industrieller Druck, 
  • die Zukunft des Siebdrucks.  

BILDUNTERSCHRIFT: Gewebe aus Polyesterfasern sind heute in vielen Siebdruckereien die Norm. In der Vergangenheit wurde jedoch zumeist ein Seidengewebe verwendet. Photo: Janke in der englischsprachigen Wikipedia, CC BY‐SA 3.0  

Die Geschichte des Siebdrucks  

Laut Definition ist der Siebdruck ein Druckverfahren, bei dem ein feinmaschiges Sieb verwendet wird, um Farbe auf ein Substrat wie Papier, Gewebe oder Kunststoff zu übertragen. Heutzutage sind Gewebe aus Polyesterfasern in vielen Unternehmen die Norm. In der Vergangenheit wurde jedoch zumeist Seidengewebe verwendet, was die englischsprachige Bezeichnung „Silkscreen“, also in etwa „Seidenraster“ erklärt. 

Beim Siebdruck handelt es sich im Grunde um ein Schablonendruckverfahren. Das Motiv wird auf ein Sieb aufgebracht, wobei man die leeren Stellen mit einer undurchlässigen Substanz beschichtet. Die Farbe wird dann mit einem Rakel durch die Maschenöffnungen auf das Substrat gepresst. Einige Historiker sehen Vorläufer der Technologie deshalb im mittelalterlichen Asien. In der chinesischen Song‐Dynastie (960‐1279 n. Chr.) wurde ein ähnliches Verfahren erstmals aufgezeichnet. Doch erst im späten fünfzehnten Jahrhundert brachten es Missionare und Reisende nach Europa. 

Dort scheint es sich jedoch erst einmal nicht weit verbreitet zu haben. Denn feines Siebgewebe war einfach noch nicht verfügbar. Zudem fehlte es an profitablen Marktnischen. Auf Schablonen basierende Mal- bzw. Vervielfältigungsmethoden waren und sind zum Teil aber noch heute in vielen Kulturen der Welt gebräuchlich.   

BILDUNTERSCHRIFT: Sieb mit belichtetem Bild, fertig zum Druck. Foto: Jon 'ShakataGaNai' Davis, CC BY 3.0  

Zeitgenössischer Siebdruck   

Der moderne Siebdruck entstand in den 1900er Jahren, als einige Drucker begannen, mit fotoreaktiven Chemikalien zu experimentieren, um die Druckvorlagen auf den Sieben herzustellen. Die Technologie wurde von Künstlern und Kunsthandwerkern aufgegriffen. Sie kam zur Schaffung von Kunstwerken und zu ihrer Reproduktion zum Einsatz. Deshalb prägte die in New York ansässige National Serigraphie Society in den 1930er Jahren den Begriff „Serigraphie“, um die künstlerische Anwendung des Siebdrucks von der industriellen Nutzung des Verfahrens zu unterscheiden.  

Während die Siebdrucktechnik in den USA zur Herstellung von Flugblättern und Plakaten, aber auch von militärischer Ausrüstung wie Tarnnetzen bereits im Zweiten Weltkrieg weit verbreitet war, fand der moderne Siebdruck erst in den frühen 1950er Jahren seinen Weg zurück nach Europa. Wahrscheinlich wurde der Siebdruck sogar erst dann von einem breiteren Publikum wahrgenommen, als Künstler wie Roy Liechtenstein und Andy Warhol in den frühen 1960er Jahren begannen, ihn für ihre Arbeit einzusetzen. Der bekannte Siebdruck-Spezialist Michel Caza ist eines der Gründungsmitglieder der FESPA. Er arbeitete mit Warhol und anderen bekannten Künstlern wie Hundertwasser und Dali zusammen.  

In den 1980er Jahren begann man, den Siebdruck für die Herstellung von Sportbekleidung und anderen Konsumgütern zu verwenden. In den 1990er Jahren wurde der Siebdruck schließlich in großem Umfang für die Herstellung von T‐Shirts und Bekleidung genutzt. Daneben kam er für eine breite Palette von grafischen Anwendungen wie Aufkleber, Schilder und Displays, Ballons und Inflateables zum Einsatz.   

BILDUNTERSCHRIFT: Serigrafie des Münchner Künstlers Emmanuel Jesse. Foto: S. Angerer  

Siebdruck und Digitaldruck  

Als Mitte der 1990er Jahre die ersten funktionierenden Großformatdrucker auf den Markt kamen, stießen sie schnell in bestimmte Segmente vor, die bis dahin dem Siebdruck vorbehalten waren. Bogen- und Rollendruck-Aufträge mit geringerer Auflagenhöhe konnten digital viel einfacher und schneller gedruckt werden.   

Obwohl die Qualität des Digitaldrucks in den ersten Jahren nicht annähernd mit der des Siebdrucks mithalten konnte, wandert mit der Einführung des Flachbett‐Digitaldrucks mit UV‐härtenden Druckfarben in der grafischen Industrie weitere Druckvolumen vom Sieb- zum Digitaldruck.   

Heute ergänzen sich Siebdruck und Digitaldruck in vielen Bereichen des grafischen und des Textildrucks. Zunehmend werden weißer Unterdruck, Speziallack und Neondesigns in einer Kombination aus beiden Technologien hergestellt.  

Obwohl solche Anwendungen auch vollständig digital gedruckt werden könnten, ist es oft billiger und effizienter, für Teile des Auftrags vorhandene Siebdruckmaschinen zu verwenden und die Digitaldrucktechnologie nur für die Personalisierung oder Regionalisierung einzusetzen.   

BILDUNTERSCHRIFT: Bei industriellen Anwendungen wie gedruckter Elektronik oder dem Skalen-Druck ist die Siebdruck-Technologie stärker denn je. Foto: S. Angerer  

Siebdruck außerhalb des grafischen Gewerbes   

Der Siebdruck wird seit Jahrzehnten für spezielle Anwendungen in den verschiedensten Industriezweigen eingesetzt, z. B. zum Beschichten, Grundieren und Auftragen einer breiten Palette von Flüssigkeiten. Zwar haben moderne Tintenstrahldruckköpfe in puncto Geschwindigkeit und Vielseitigkeit deutlich aufgeholt. Doch gerade im Wachstumsbereich Industriedruck erlebt die Siebdrucktechnologie einen wahren Boom, beispielsweise für die Herstellung von gedruckter Elektronik, Leiterplatten, Präzisions-Skalen und auch für medizintechnische Anwendungen.  Da Hightech‐Druckanwendungen zu einem integralen Bestandteil der industriellen Produktion werden, verlagert sich der Siebdruck in diesen Marktnischen jedoch häufig von den Druckdienstleistern in die Industriebetriebe selbst.   

Die Zukunft des Siebdrucks   

Der Siebdruck blickt auf eine lange Geschichte zurück. Siebdrucker gehörten zu den ersten Anwendern der Digitaldrucktechnologie. Auch wenn der Siebdruck in den letzten Jahren etwas an Boden gegenüber dem Digitaldruck verloren hat, spielt er immer noch eine wichtige Rolle in einer Vielzahl von industriellen Anwendungen. Mit den neuen Fortschritten in der Tintenstrahltechnologie können wir davon ausgehen, dass der Siebdruck auch in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle in der modernen industriellen Produktion spielen wird.  

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