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Neue Strategien für den Digitaldruck

by FESPA | 21.04.2022
Neue Strategien für den Digitaldruck

Viele Jahre lang war der Digitaldruck das Aushängeschild für Wachstum in der Druckindustrie. Aber Überkapazitäten haben den Markt schon vor der Pandemie schwierig gemacht. Deshalb ist jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um Zukunftsstrategien für die Druckindustrie zu entwickeln.

BILDUNTERSCHRIFT: Drucke für Veranstaltungen und viele andere Anwendungen haben noch nicht wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht. Die Digitaldruckindustrie braucht dringend neue Strategien. Bild: S. Angerer. 

"Wir sollten uns nichts vormachen: Die Druckindustrie steht vor enormen Herausforderungen. Das war schon vor der Pandemie so und ist erst in den letzten 2,5 Jahren noch einmal deutlicher geworden", sagt Bernd Zipper, Gründer von Zipcon Consulting. Auch Bettina Knape, Pressereferentin beim Bundesverband Druck und Medien (bvdm e.v.) ist überzeugt, dass vor allem Akzidenz- und Werbedrucksachen in Schwierigkeiten geraten, da die digitale Alternativen zu ihren Produkten immer beliebter werden. Im Jahr 2021, so zitiert sie aus der aktuellen Statistik des Wirtschaftsverbands, sank die Produktion in deutschen Druckereien erneut um 2,2 %, und das nach einem bereits „sehr deutlichen“ Rückgang im Jahr 2020. Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn die Branche überleben will, muss sie sich neu erfinden. Untersuchen wir also die drei wichtigsten Problembereiche und suchen wir nach Wegen in die Zukunft

  • Energie- und Materialkosten und Fragen der Nachhaltigkeit 
  • ​Rückgang bei gängigen Digitaldruck-Applikationen 
  • Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. 

BILDUNTERSCHRIFT: Der Druck für die Kunst- und Kulturindustrie waren bis vor Kurzem ein margenträchtiges Segment der Druckindustrie. Doch mit den zu erwartenden Budgetkürzungen wird sich das wohl ändern. Foto: S. Angerer. 

Strategien gegen Probleme mit Lieferketten und Energiekosten 

Die Diskussionen über höhere Kosten für Vorprodukte und Energie beunruhigen die Weltwirtschaft schon seit geraumer Zeit. Die Doppelschlag aus Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine hat das Problem nicht nur verschärft, sondern auch stärker in die Öffentlichkeit gerückt. „Die Rohstoffknappheit belastet alle Unternehmen der Druckindustrie und führt bei einigen sogar zu existenziellen Problemen“, betont Zipper, der überzeugt ist, dass sich „am Ende weniger, aber größere, rentablere und gut vernetzte Druckdienstleister durchsetzen werden, die in der Lage sind, stabile Lieferketten zu sichern.“ 

Die weltweite Verknappung von Papier, Folien, Drucktinten und anderen Materialien für den Digitaldruck hat die Preise bereits in die Höhe getrieben, allerdings nicht unbedingt auch die Gewinnspannen. Der Markt scheint noch nicht bereit, für viele Standarddruckprodukte deutlich mehr zu bezahlen. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, wie Substrate und andere Verbrauchsmaterialien, die noch vor kurzem praktisch als vernachlässigbar galten, sich zu beinahe zu Vermögenswerten entwickelt haben. In Online-Foren und auf Branchentagungen tauschen Werbetechniker und Drucker übrig gebliebene Laminate und Tinten. Software für automatisches Nesting und effizienteren Zuschnitt sind Schlüsselelemente der Automatisierungsstrategie der Branche. 

Nun, da die Energie- und Treibstoffkosten in Mitteleuropa in die Höhe schießen, werden die Bemühungen der Druckdienstleister, ihren Verbrauch zu senken, immer dringlicher. Bei Neuinvestitionen suchen deshalb viele Druckereien aktiv nach energieeffizienten Maschinen. Elektromobilität und LEDs statt Benzinern und Leuchtstoffröhren sind plötzlich für die breite Masse der Unternehmen ein Thema geworden. Sie gehen nicht mehr nur die Pioniere mit dem „Hang zum Umweltschutz“ etwas an.  

Digitaldruck Strategie #1: Wenn man Energie, Substrate und Verbrauchsmaterialien in Druckereien so effizient wie möglich einsetzt, kann man nicht nur den steigenden Preisen für Vorprodukten begegnen, sondern schont dadurch auch noch die Umwelt. 

BILDUNTERSCHRIFT: Der Verpackungsdruck kann Teil einer neuen Strategie für Druckdienstleister sein, denn die Nachfrage hat in den letzten zwei Jahren einen Boom erlebt. Noch ist auch kein Abflauen erkennbar.  Bild: S. Angerer. 

Strategien zur Kompensation beliebter Anwendungen 

Angesichts europaweiter Lockdowns erschien der Einbruch bei POS-, Event- und Outdoor-Anwendungen folgerichtig. Doch selbst jetzt hat Nachfrage noch längst nicht wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht. Einige Experten bezweifeln sogar, dass dies jemals wieder der Fall sein wird. Verbraucher sind es nun gewohnt, große Teile ihrer Einkäufe im Netz zu tätigen. Dadurch hat sich auch das Fußgängeraufkommen in den Einkaufsstraßen in ganz Europe rapide verringert. Für gedruckte Außenwerbung wie für POS-Anwendungen verheißt das nichts Gutes. Mit den angekündigten Einsparung bei nationalen und lokalen Budgets wird es zudem wahrscheinlich zu Kürzungen bei Kultureinrichtungen und in der Kunst kommen, die sich auch auf Aufträge an die Druckindustrie auswirken.  

Es gibt jedoch Segmente im Digitaldruck, die in letzter Zeit geradezu einen Boom erfahren. Sowohl Zipper als auch Knape erwähnen etwa die Bereiche Etiketten und Verpackungen, was vor allem eine Folge des auch nach den Lockdowns boomenden Online-Handels sein dürfte. Auch das Endverbrauchergeschäft mit Fotos und Fotogeschenken sei in letzter Zeit schätzungsweise um 15 bis 20 % gewachsen, so Zipper. Denn der weltweite Megatrend zu personalisierten Produkten erscheint ungebrochen. 

Digitaldruck Strategie #2: In Nischen wie dem Druck von Etiketten, Verpackungen und personalisierte Artikel boomt die Nachfrage. Dadurch können Druckereien Verluste bei Klassikern wie Außenwerbung und POS-Applikationen auffangen.  

BILDUNTERSCHRIFT: Die Konzentration auf personalisierte Geschenke und andere individualisierte Artikel ist eine spannende Business-Strategie, denn die Nachfrage bleibt hoch. Foto: S. Angerer. 

Strategien zum Binden von Fachkräften  

„Die Nachfrage nach Fachkräften ist aufgrund von Corona leicht gesunken, aber viele Unternehmen haben immer noch Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Ein Teil der Leute ist wegen der Kurzarbeit in andere Bereiche gewechselt. Sie fehlen jetzt in der Branche“, sagt Bettina Knape. Nach einer bvdm-Umfrage zur Ausbildungs- und Fachkräftesituation 2021 konnten 29% der Mitgliedsbetriebe ihre offenen Stellen problemlos besetzen, 62% nur schwer und 9% gar nicht. In der deutschen Druckindustrie ist laut Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Beschäftigten im Vergleich zu 2020 um 5,8 % gesunken.   

So ist es nicht verwunderlich, dass die Ausbildungsverträge allein von 2019 bis 2020 um fast ein Viertel eingebrochen sind. „Es gibt noch immer Unternehmen, die vor vielen Jahren stehengeblieben sind und es verpasst haben, sich digital zu transformieren. Das ist nicht attraktiv für junge Leute“, mahnt deshalb Bernd Zipper: „Auf der anderen Seite befinden sich die Industrie und ihre Unternehmen zugleich in einem spannenden Wandel. Neue technische Prozesse und die Digitalisierung führen zu ganz neuen Produkten und im Umkehrschluss auch zu aktuellen, aufregenden Anforderungen an das Berufsbild. Leider ist es den Druckdienstleistern insgesamt noch nicht gelungen, dies der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln."  

Selbst die erwartete Konsolidierung bei den Druckereien könnte am Fachkräftemangel womöglich nicht so schnell etwas ändern. Zwar werden dann Mitarbeiter freigesetzt, aber ob sie der Branche erhalten bleiben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn sie könnten auch vorzeitig in den Ruhestand treten, sich in anderen Industriebereichen umsehen, oder auch schlicht nicht zu einem Umzug bereit sein. „Darum wird uns der Fachkräftemangel noch einige Zeit begleiten“, fügt Zipper hinzu. 

Digitaldruck Strategie #3: Trotz der erwarteten, weiteren Konsolidierung bleibt der Druckindustrie der Fachkräftemangel erhalten. Druckereien müssen deshalb in junge Talente investieren und ihr Image als attraktiven und nachhaltige Karriere-Option schärfen. 

Braucht der Digitaldruck überhaupt eine neue Strategie? 

Wie viele andere Industriezweige kämpft auch die Druckbranche darum, ihren Platz in der Welt nach der Pandemie zu finden. Die Corona-Einschränkungen haben bestehende Probleme wie den hohen Material- und Energiebedarf, Arbeitskräftemangel und wenig umweltfreundliche Produktionsweisen erst richtig in den Vordergrund gerückt. Während einige beliebte Digitaldruckanwendungen wie Außenwerbung und POS-Anwendungen möglicherweise nicht in der Lage sind, das Niveau von vor der Pandemie wieder zu erreichen, haben Segmente wie personalisierte Geschenke, Etiketten- und Verpackungsdruck das Potenzial, dies mehr als ausgleichen.  

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