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Die Postscript-Revolution – eine Kulturgeschichte der Druckindustrie

von Team Digital und Print | 29.11.2017
Die Postscript-Revolution – eine Kulturgeschichte der Druckindustrie

Die Druckindustrie gleicht einem Phoenix – wie jener sagenhafte Vogel aus der Asche, zu der er zuvor verbrannte, immer wieder neu hervorgeht, so hat die Druckindustrie sich mehr als nur einmal gewandelt: nachzulesen ist das in einem Buch von Kurt K. Wolf.

Indem die schwarze Kunst ihr Monopol verlor, erlebte die Druckindustrie Umbrüche, die man durchaus als Revolution beschreiben kann. Die hoch arbeitsteilige Branche kannte eine ganze Reihe von Ausbildungsberufen, die in der Produktion von Drucksachen wie Katalogen oder Broschüren Hand anlegten.  

Was einmal ein Team von Grafikern, Fotografen Textern, Reprofotografen, Lithographen und Andruckern, Druckern und Buchbindern bedurfte, wird heute oftmals in Personalunion geschaffen, wenn auch nicht immer mit dem nötigen Fachwissen.

Jedenfalls ist die Branche heute kaum noch wiederzuerkennen: in den vergangenen acht Jahren haben ca. ein Drittel aller Druckereien Insolvenz angemeldet, die Mitarbeiterzahl hat sich halbiert, Berufe verschwanden und neue Berufsbilder entstanden. 

Von der klassischen Reproduktion über das Desktop Publishing zum Color Publishing

Und die Entwicklung wird hier sicherlich nicht aufhören, Mixed Media-Anwendungen von Digitaldruck und Digital Signage werden verstärkt nachgefragt und am Horizont zeichnen sich bereits AR und VR als „nächstes große Ding“ ab.

Die Transformation vom „Geschriebenen“, analog gesetzten zur abstrakten Beschreibung des zu Druckenden verdeutlicht auch der Titel eines unlängst im Schweizer Midas Verlag erschienen sehr lesenswerten Bandes zur Kulturgeschichte der Druckindustrie: „Postscript Revolution“ . Der Titel bezieht sich dabei natürlich auf jenes Format bzw. Seitenbeschreibungssprache, die in den 80er Jahren das Electronic Publishing beförderte.  

Mit seiner Kulturgeschichte setzt Autor Kurt K. Wolf wesentlich vor der Implementierung von Postscript, nämlich in den 1950er Jahren ein, und beschreibt wie sich das graphische Gewerbe zur Druckindustrie in den 1990er Jahren bis heute entwickelt hat.

Wolf weiß, wovon er erzählt, hat er doch selbst die Entwicklung 60 Jahre lang von 1956 bis 2016 aus nächster Nähe miterlebt. Zunächst als Reprofotograf, dann im Vertrieb von Reprosystemen und später als Fachredakteur des Deutscher Drucker Verlags.

Aus der Perspektive des teilnehmenden Beobachters gliedert er die Geschichte der Reproduktionstechnik in der grafischen Industrie in vier teils parallel verlaufende Stränge, die die komplexe Entwicklung übersichtlich darstellen:

Geschildert wird die Geschichte der Bildreproduktion ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in deren Verlauf sich Reproduktionsanstalten und Buchdruckereien zu Mediendienstleistern und Akzidenzdruckereien wandelten – auf Grund einer Digitalisierung, die von Reprokameras zu Digitalscannern, von der Seitenmontage zu elektronischen Bild- und Textverarbeitungssystemen führte.

Er beschreibt wie mit Apples Macintosh das Desktop Publishing Einzug in die Büros hielt und langsam die klassische Schreibmaschine immer mehr verdrängt wurde.

Und wie sich mit Adobes Seitenbeschreibungssprache Postscript sozusagen das „Missing Link“ fand, die elektronisch erzeugten Druckvorlagen auf den verfügbaren Druckmaschinen ausgegeben zu können. Mit der möglichen Ausgabe typografischer Schriften auf Film wurden in der Folge Fotosatzmaschinen und EBV-Hersteller zunehmend obsolet.

Der vierte Strang schließlich erzählt den Wechsel der ausgereiften Technologie der digitalen Reprotechnik zu neuen Werkzeugen der Computerindustrie für das Color Publishing. Nicht zuletzt auch dank neuer Vertriebswege drängten diese wirtschaftlich fast konkurrenzlos in den Markt, die EBV-Systeme wurden schlicht zu teuer und die Druckindustrie sah sich gezwungen, sich ein weiteres Mal neu aufzustellen.

Für „Postscript Revolution“ ist die Zeitzeugenschaft seines Autors ein ungemeiner Glücksfall, die die penibel recherchierten Hintergründe mit Leben und Leidenschaft füllt. Ein Buch aus der Branche heraus entstanden und für die Branche geschrieben, empfiehlt es sich weit über diese hinaus.

Wer verstehen möchte, was Digitalisierung bedeutet, sollte sich mit deren Wirkkraft in einer Branche beschäftigen, die sich dieser so früh zu stellen hatte wie kaum eine andere – vielen steht diese Herausforderung erst noch bevor. Sie sollten die Chance nutzen, aus diesem Buch zu lernen.

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