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Covid-19 beschleunigt die Digitalisierung der Lieferketten

von Debbie McKeegan | 12.08.2020
Covid-19 beschleunigt die Digitalisierung der Lieferketten

In den vergangenen Monaten wurde die Bekleidungsindustrie durch die globale Pandemie in schwerwiegende Probleme und finanzielle Nöte gestürzt. Aber es bietet sich auch die Chance, die derzeitigen Workflows zu evaluieren und zu rationalisieren.

Das schwerwiegendste Risiko für jedes Unternehmen im Modebereich liegt im Lagerbestand. In der schnellen Bekleidungsindustrie ist die Kontrolle der Lagerbestände zum – im ganz wörtlichen Sinne –  brennenden Problem geworden. Um eine substanzielle Risikovermeidung zu erreichen müssen die Lieferketten verkürzt und die Lager verkleinert werden. Dazu kommen nachhaltige Produktion und, besonders wichtig, die Digitalisierung.
 
Der E-Commerce erfuhr in der Krise noch nie dagewesenes Wachstum. Es ist kaum zu glauben, dass noch vor gerade zehn Jahren die Online-Verkäufe im Vereinigten Königreich lediglich 5,1% der Gesamtumsätze des Einzelhandels ausmachten (Source UK, ONS). Man erwartet für 2024 ein Wachstum von mehr als 30 %. Die weltweiten Verkaufszahlen beliefen sich 2019 auf 3,53 Billionen US-$ (vor Covid), während für die Umsätze im elektronischen Einzelhandel ein Wachstum auf 6,54 Billionen US-$ vorhergesagt wird. (Quelle: Statista)

Die Digitalisierung der vorgeschalteten Bekleidungsindustrie schon auf dem richtigen Weg. In unserem neuesten Podcast spricht FESPA Textilbotschafterin Debbie McKeegan mit Yoram Burg (VP of Sales and Marketing bei Embodee) über das heiße Thema: "Wie beschleunigt Covid-19 die Digitalisierung der Lieferketten?"
 
Hier folgt eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs mit den wichtigsten Schlussfolgerungen. Den gesamten Podcast kann man hier anhören.


Bildunterschrift: Maßgeschneiderte Angebote sind eine Schlüsseltechnik im E-Commerce. Die Konsumenten verlangen nach Personalisierung. Das bestätigen Unternehmen in den Bereichen Sport- und Teamausstattung mit ihrem Wachstum. Quelle: Embodee.

Yoram Burg besitzt lange Erfahrung in der Entwicklung und Einführung disruptiver Technologien, dazu eine profunde Kenntnis der Infrastruktur der Bekleidungsbranche. Embodee ist seit zwölf Jahren einer der führenden Anbieter im 3D-Bereich und entwickelt Visualisierungen für Online-Konsumenten im Auftrag einiger der größten Händler der Welt. Im Angebot des Unternehmens finden sich eine ganze Reihe von Technologien, die Produktanpassungen im Zusammenspiel mit einem automatisierten E-Commerce-Workflow ermöglichen. Das sind simulierte virtuelle Produkte (digitale Zwillinge) für den E-Commerce-Händler, bei denen die 3D-Darstellung das physikalische Produkt im digitalen Raum abbildet. Lösungen zur Produktvisualisierung bieten Marken und Händlern lebensechte visuelle Interaktion für Maßanfertigung und Personalisierung. All das erhöht den Auftragsumfang und festigt die Kundenbindung. Der Hauptsitz von Embodee liegt in San Juan in Puerto Rico. Einige der bekanntesten Sportmarken und Modehändler der Welt zählen zum Kundenstamm.


Bildunterschrift:  Lösungen zur Produktvisualisierung bieten Marken und Händlern eine lebensechte visuelle Interaktion für Maßanfertigung und Personalisierung. Quelle: Embodee.

In welchem Umfang wurde die Modeindustrie von Covid-19 getroffen?

Das ist eine große Frage und bedarf einer Menge an Datenmaterial. Im Gespräch mit regionalen und globalen Playern gewinnt man den Eindruck von extremen Auswirkungen. Die landesweiten Statistiken hier in den USA werden seit 1992 geführt, die Bekleidungsbranche wurde damals mit 10 Milliarden Dollar bewertet. Im Jahr 2008 hatten wir die stärkste Rezession und die Zahlen fielen von 18,7 Milliarden Dollar auf 16,5 Milliarden - ein beträchtlicher Absturz. Doch 2020 – wenn die Zahlen stimmen – fiel der Index von 22,6 Milliarden im Dezember 2019 auf ein verblüffendes Tief von 2,8 Milliarden. Jetzt, Mitte Juli 2020, ist die Zahl wieder auf 8,6 Milliarden Dollar gestiegen.
 
Im ortsgebundenen Geschäft ist der Zustand immer noch schmerzlich, doch online erleben wir einen Boom, der stationäre Einzelhändler zwingt, sich auf neue Wegen zu begeben. Sportswear-Artikel im Onlinegeschäft sahen im Mai ein Wachstum von 216 %, gegenüber 114 % im April 2020. Auch bei der Innenausstattung ging es nach oben, um etwa 190 %. Ich würde deshalb sagen, die negativen Auswirkungen von Covid-19 werden von großen Chancen begleitet.

Werden die finanziellen Auswirkungen die Veränderung vorantreiben? 

Um die Erholung voran zu treiben müssen die Unternehmen schnell handeln, doch vielen fehlt das Kapital für Investitionen. Sie sind daher im Nachteil. Marken und Händler müssen ihre Ansätze zu digitalen Strategien neu denken. Es gilt, wichtige Fragen zu stellen: Auf PLM nur reagieren oder es strategisch einsetzen? Es ist an der Zeit, Technologie wirksam einzusetzen, um Fehler auszumerzen und das Geschäft zu optimieren. Ist die Zeit gekommen in 3D zu investieren? Marken, die durch den dicken Rauch sehen können, werden von solchen Investitionen profitieren. Covid bedeutete in dieser Hinsicht für die Markeninhaber eine unerwartete Beschleunigung. Das Investment in eine digitale DNA stärkt die Beziehung zur Versorgungskette. 3D-Design ermöglicht Firmen einen schnelleren Marktzugang durch das Entwerfen, Überarbeiten und Abnehmen der Produkte rein im digitalen Raum.

Warum hat die Industrie sich früher gegen Veränderung gesträubt – was stand im Weg?

Bei einer Betrachtung aus der Vogelperspektive sieht man, wie die Marken sich vor allem im Verkauf und beim E-Commerce um die Digitalisierung bemühen, aber nicht beim Management der Lieferketten. Sie haben sich gegen Veränderung gesträubt, doch das ändert sich gerade, denn der Workflow muss von A - Z digitalisiert werden. Covid hat das derzeitige System erweitert. Altlasten müssen abgebaut werden durch den Einsatz von Technik mit klarer Unternehmensstrategie und einem klaren Kommittent aller Beteiligten. Um eine zentrale Plattform zu entwickeln, müssen alle mitziehen: Designer, 3D Experten, Produktmanager, Marketing-, Sales- und E-Commerce-Spezialisten. Auf einer solchen Plattform werden über die gesamte Lieferkette, vor- wie nachgeschaltet, alle Information digital in einem Format ausgegeben, das andere leicht verarbeiten können. Der Workflow muss auch transparent werden, sodass Produkte schnell hergestellt und geliefert werden können.

E-Commerce und auch die Maßfertigung boomen. Woher kommt dieses Wachstum?

Die Krise hat die größten Marken der Welt zur Anpassung gezwungen, und das schnell. Sie wurden aber auch mit dreistelligen Wachstumsraten belohnt. Die Notwendigkeit, schnell zu reagieren, erfordert Agilität in denjenigen Unternehmen, die mit teilweise oder komplett digitaler DNA die Anforderungen des Marktes bedienen. Diese Veränderung werden großräumig übernommen werden, Online-Verkäufe deshalb weiter gut laufen.

Maßfertigung ist eine Schlüsseltechnolgie im E-Commerce. Die Konsumenten verlangen nach Personalisierung, was unsere Kunden im Bereich Sport- und Teamausstattung mit ihrem Wachstum bestätigen. Die wachsende Anforderung nach schneller Design- und Produktentwicklung auf einer einzigen Plattform mit 3D-Visualisierung, bei gleichzeitiger transparenter Einbindung der Datenblätter (Line Sheets) in den Workflow, ermöglicht den Konsumenten im virtuellen Raum zu gestalten. Die Herstellern können wiederum die physikalischen Produkte schnell, personalisiert und in Massen produzieren. Auch hier ist wieder Automation von A - Z der Schlüssel, vom Design bis zur Auftragserfüllung.

Welche neuen Technologien braucht die Branche, um die Maßfertigung zu einem nahtlosen Prozess für Kunden und Hersteller zu machen?

Das ist eine große Frage! Benötigt werden Systeme mit Schnittstellen in die Bestände der Lieferkette, mit Verbindung zu den ERPs, die also den gesamten Verkaufsvorgang umschließen. Bereits vorhandene Güter sollten an jedem Punkt des Prozesses sinnvoll genutzt, Daten konsolidiert werden. So kann die Digitalisierung voranschreiten. Die Technik selbst demokratisiert die Maßfertigung von Produkten, das ist unglaublich kreativ und dynamisch. Und alles baut Vertrauen im virtuellen Raum auf.

Wie können wir das Kundenerlebnis weiter bereichern und die Kundenbindung stärken?

Persönlicher Einkauf mit virtueller VIP-Erfahrung, private Umkleidekabinen, Avatare und virtuelle Anprobe-Apps und Augmented Reality: All diese Technologien schaffen Kundenbindung und steigern die Verkäufe. Der integrierte Handel erreicht den Kunden auf vielen Plattformen, und baut die persönliche Bindung mit bedeutungsvollen Tools aus. Diese bauen eine intelligente Beziehung zum Kunden auf, was Markenloyalität, Vertrauen und gesteigerte Verkäufe zur Folge hat. Diese Werkzeuge sind mächtige Bausteine des E-Commerce der nahen Zukunft.

Maßfertigung war einst dem Luxussegment vorbehalten. Sehen Sie die Einführung von Maßfertigung in allen Bereichen der Bekleidungsbranche?

Das ist eine Frage der Psychologie, denn zu viele Auswahlmöglichkeiten machen Entscheidungen schwerer. Für viele Marken bedeutet Maßfertigung eher das Angebot einer gewissen Anzahl an Varianten, die ein personalisiertes Produkt ermöglichen. Letztlich ist die Verfügbarkeit von Massen-Maßfertigung abhängig von der Komplexität der Lieferkette des Produkts, der Nähe zum Endverbraucher, dem Preis, und der Fähigkeit, den Verkauf nahtlos vom Design über die Herstellung bis zum Kunden schnell durchführen zu können. Ja, Maßanfertigung ist definitiv in jeder Form möglich, wenn man die richtige Technologie in einer digitalisierten Lieferkette zur Anwendung bringt.

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