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Automatisierung und Nearshoring im Bekleidungsmarkt

von Debbie McKeegan | 27.08.2019
Automatisierung und Nearshoring im Bekleidungsmarkt

Debbie McKeegan zeigt, wie Nähroboter, Speed Factories und Digitaldruck den Weg in die Zukunft weisen, während Maschinen und Künstliche Intelligenz unsere Vorstellungen und Erwartungen prägen.

Textil und Automatisierung gehören schon lange zusammen. Vor 40 Jahren lochten Schlafhorst und Rieter jeden verkauften Spinnrahmen mit einem Roboter. Und die Colour Kitchens von Van Wyk and Stork produzierten jährlich Millionen von Litern maßgefertigter Tintenmischungen on Demand, perfekt gemischt und aufs Tausendstel genau.


Bildunterschrift: Die Digitalisierung schreitet fort und es sind Nähroboter, Speed Factories und Digitaldruck, die den Weg in die Zukunft weisen, während Maschinen und Künstliche Intelligenz von unseren Vorstellungen und Erwartungen Besitz ergreifen. Bild: Softwear Automation.

Diese disruptiven Technologien scheinen der ständigen Suche der Textilindustrie nach immer billigerer Arbeit ein baldiges Ende zu setzen. Ein neuer Markt, dominiert von Fertigung nach Maß, Personalisierung und Nachhaltigkeit, setzt die Maßstäbe für den Weg in die Zukunft.

Die Textilbranche der Zukunft wird als eine Industrie gedacht, in der Fabriken kaum noch Wasser, Energie oder Chemikalien verbrauchen. Und die hochwertige Arbeit vor Ort ausführen lässt. Das verkürzt die Lieferketten und verringert die Umweltbelastung durch Warentransport über große Entfernungen. Zudem wird in den Fabriken der Zukunft die Textilproduktion mit der Nachfrage symmetrisch verknüpft. So werden riesige Lagerbestände drastisch reduziert, die heute auf Müllhalden landen.

In der globalen Bekleidungsindustrie, die mehr als 80 Millionen Menschen beschäftigt, bleibt das Nähen weiterhin der arbeitsintensivste Produktionsprozess.

In der Vergangenheit konnte sich die Textilverarbeitung bei ihrer Suche nach Niedriglöhnen für ihre Lieferketten-Gleichung auf Anbieter in Entwicklungsländern verlassen.

Doch wie eine neue Studie in China zeigt haben sich die Arbeitskosten in den Entwicklungsländern in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht. Dieses Modell hat sich also erschöpft. Ohne den Vorteil vergleichsweise günstiger Lohnkosten sind die sich entwickelnden Volkswirtschaften keine Lösung mehr.


Bildunterschrift: Pete Santora, Chief Commercial Officer bei Softwear Automation. Die Firma sorgt in der Textilverarbeitung, ein 100-Milliarden-Dollar-Markt, mit Produktionsstraßen für automatisch genähte Heimausstattung, Bekleidung und Schuhe für Wirbel. Bild: Softwear Automation.
 
In den Achtzigerjahren konnten auf den Massenmarkt ausgerichtete Modemarken ihre Produktion gar nicht schnell genug nach Fernost verlagern, wo niedrige Arbeitskosten für herausragende Profite sorgten.

Diese Strategie änderte sich in den frühen 2000er-Jahren, als Chinas Wettbewerbsvorteil schwand und die Produktion in südost-asiatische und afrikanische Wirtschaftsräume mit noch geringeren Lohnkosten, wie Vietnam, Kambodscha, Äthiopien oder Nigeria verlagert wurde.

Dieses Vorgehen war äußerst erfolgreich, da diese Volkswirtschaften zu bezahlbaren Preisen Produkte liefern konnten, die von den Kunden nachgefragt wurden und dabei schnelle Lieferung, hohe Qualität und das Einhalten gesetzlicher Bestimmungen gewährleisteten.

Doch heute, da Internethandel und E-Commerce zu hartem Verdrängungswettbewerb und nie dagewesener Unbeständigkeit in der Nachfrage geführt haben, müssen diese Weltmarken den Wettbewerb analysieren und reagieren.

In diesem Strudel der Veränderungen befindet man sich im Wettbewerb mit Online-Startups, Webshops und jungen Marken, die starke Präsenz im Internet und den sozialen Medien haben. Sie diktieren täglich angesagte Stile und nicht mehr einmal pro Saison. Ihre Produkte liefern sie zum passenden Preis, in der passenden Qualität und im passenden Look innerhalb weniger Stunden.

Kein Wunder also, dass einige der größten Unternehmen in der globalen Bekleidungsindustrie, die weltweit etwa 80 Millionen Menschen beschäftigt, die Möglichkeiten der Automatisierung austesten.

Der Sportswear-Gigant Adidas etwa betreibt bereits vollautomatisierte Fabriken in Deutschland und den USA und erwartet, dass diese sogenannten Speed Factories die Produktion steigern und die Durchlaufzeiten bei der Fertigung eines Produkts auf wenige Tage reduzieren.


Bildunterschrift: TY Garments will in Arkansas 400 Menschen beschäftigen und jährlich mehr als 100 Millionen Kleidungsstücke fertigen. Am Standort sind 33 Roboter und 21 automatisierte Produktionsstraßen in Betrieb. Bild: Softwear Automation.
 
TY Garments USA startete 2019 den Betrieb seiner State-of-the-Art-Fabrik in Little Rock, Arkansas, mit einem Investment von 20 Millionen Dollar. Das Unternehmen plant 400 Mitarbeiter zu beschäftigen und jährlich mehr als 100 Millionen Kleidungsstücke zu fertigen.
Am Standort werden 330 von Softwear Animation entwickelte Roboter und 21 automatisierte Fertigungsstraßen betrieben. In einer einzigen acht Stunden Schicht kann ein mit Sensoren und Kameras ausgestatteter Nähroboter mehr als 1000 T-Shirts produzieren. Im Vergleich schaffen zehn Arbeiter an einem traditionellen Fließband in der gleichen Zeit nur 669 T-Shirts.

TY-Geschäftsführer Tang Xinhong sieht die Fabrik als Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens. Für ihn steht fest, dass „es nicht einmal die billigsten Arbeitsmärkte der Welt mit uns aufnehmen können.“

Der US-amerikanische Bekleidungshersteller Levi Strauss & Co. hält Patente an einer automatisierten, Laser-basierten Anwendung für das Finishing seiner Jeans. Der Kontrast zwischen dem alten und dem neuen Finishing verdeutlicht eindrucksvoll das Potential der Automatisierung. Das Laser-Finishing des neuen Systems benötigt für eine Jeans 90 Sekunden,  davor dauerte dies 20 Minuten.

Diese Beispiele belegen, warum die erfolgreichen Bekleidungshersteller der Zukunft versuchen werden, die Wertschöpfungskette für Bekleidung auf drei Ebenen zu verbessern: Nearshoring, Nachhaltigkeit und Automatisierung.

Doch bis jetzt liegen sie im Nearshoring und der Automation zurück. Zum Teil, weil sie sich weiterhin auf Low-Cost-Beschaffung aus Asien verlassen. Aber auch aufgrund der technischen und finanziellen Risiken: Denn erst vor kurzem erreichten Lösungen für vollautomatisiertes Nähen auch Marktreife.

Doch jetzt gewinnt die Produktion on Demand an Bedeutung und die Technik entwickelt sich. Deshalb ist Automation für die großen Spieler von entscheidender Bedeutung, was sich über die kommenden Jahre in einem stetigen Strom an Neuentwicklungen niederschlagen wird.
Die jüngste Studie von McKinsey zur Lage der Modeindustrie 2019 sagt voraus, dass Bekleidungshersteller sich auf Nearshoring, Automatisierung und Nachhaltigkeit konzentrieren müssen, um die Erwartungen ihrer Kunden einzulösen.

Laut McKinsey werden innerhalb der kommenden fünf Jahre halbautomatisierte Fertigungsstätten für die meisten Bekleidungsmarken zu Leuchtturm-Projekten, langfristig werden dann vollautomatisierte Fabriken umfassendes Nearshoring erlauben.

Fünf Bereiche der Automation in der Textilverarbeitung werden von McKinsey hervorgehoben und bedürfen besonderer Entwicklungsanstrengungen: die Automation der Nähvorgänge, die Intra-Logistik, der Digitaldruck, das Verkleben und das Stricken.

Am Ende steht mit Sicherheit die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den traditionellen Niedriglohnländern zurück in die entwickelten Volkswirtschaften der Industrieländer. Jüngste Schätzungen legen nahe, dass dies nur in den USA zu 150.000 neuen Jobs führen wird.

Die Automation der Textilindustrie fügt sich damit in einen generellen globalen Trend. Robotersysteme werden in den kommenden Jahren ein enormes Wachstum erleben. Eine jüngst erschienene Marktstudie sieht bis 2025 ein Wachstum von 37,4%.

Dies wird den Wert installierter Roboter von 39,3 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf 498,4 Milliarden bis 2025 steigern. Dieser erstaunliche Wert stützt eine Vorhersage von Oxford Economics, die von 20 Millionen verlorener Arbeitsplätze bis 2030 ausgeht.

Darüber hinaus wird prognostiziert, dass alleine in Großbritannien fünf zusätzliche Milliarden britische Pfund an Bruttosozialprodukt generiert werden, und genau die Zahl an Jobs entsteht, die an anderer Stelle wegfällt.

Für den Textildruck gilt jedenfalls weiterhin: Die immer kleineren Auftragsmengen und die Wiederauffüllung der Warensortimente on Demand erzwingen die Integration und Anschaffung neuer Technologien, um Kosten und Preise wettbewerbsfähig halten zu können.
 

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