Die Digitalisierung hat den öffentlichen Raum mit Bildschirmen gefüllt. Doch gleichzeitig wächst die Digital-Müdigkeit vieler Konsumenten. Für Digital Signage kann das zum Problem werden. Wie kann die Druck- und Werbebranche gegensteuern?

Digital Signage gilt als aufmerksamkeitsstarkes Werbemedium, z.B. für Messen. Doch wie lange noch? Foto: Sonja Angerer

Ob Messegelände, Flagship-Store oder Bahnhof: Digitale Kommunikation prägt den öffentlichen Raum stärker denn je. Deshalb gehört Digital Signage seit Jahren besonders in der Außenwerbung (DOOH) zu den dynamischsten Segmenten der Werbetechnik.

Nun aber droht der Siegeszug der Werbebildschirme paradoxerweise am eigenen Erfolg zu scheitern. Denn mit der schnellen und umfassenden Digitalisierung der letzten Jahre hat sich bei vielen Menschen das Gefühl einer „Digital-Müdigkeit“ eingestellt. Sie ist das Ergebnis permanenter Reizüberflutung durch digitale Inhalte. Konsumenten sind rund um die Uhr online. Die kanadischen Sozialwissenschaftler Anabel Quan-Haase und Barry Wellman prägten dafür den Begriff „Hyperkonnektivität“.

Digital-Müdigkeit wird auch durch wiederholte Exposition ausgelöst. Hier hat ein Werbebildschirm den Weg ins Hotel-Restaurant gefunden. Foto: Sonja Angerer

Digitale Müdigkeit: eine Gefahr für die Werbung

Nach einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom von 2024 wollen mehr als ein Drittel der Deutschen im Rahmen von „Digital Detox“ stunden- oder tageweise auf Smartphone und Internet verzichten.

Das aber stellt die Wirksamkeit vieler Kommunikationsmaßnahmen infrage. Studien zeigen zudem, dass Menschen, die täglich mit tausenden Werbebotschaften konfrontiert sind, einen erheblichen Teil davon bewusst oder unbewusst ausblenden. Im Marketing wird in diesem Zusammenhang häufig auch von „Ad Fatigue“ gesprochen.

Typische Symptome sind eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, geringere emotionale Reaktion auf Inhalte und eine zunehmende „Banner Blindness“. Zusätzlich entwickeln Konsumenten Strategien, um Werbebotschaften aktiv zu entgehen, etwa durch bewusstes Ignorieren von Bildschirmen oder den Einsatz von Adblockern auf persönlichen Geräten.

Digitale Beschilderung ohne Kontext wirkt oft ermüdend. Foto: Sonja Angerer

Digital-Müdigkeit: Ist Digital Signage schon betroffen?

Digital Signage galt lange als aufmerksamkeitsstarker Blickfang im öffentlichen Raum. Bewegte Bilder, hohe Leuchtkraft und dynamische Inhalte verschafften dem Medium bei vielen Anwendungen klare Vorteile gegenüber statischen Werbeträgern. Doch mit der steigenden Verbreitung digitaler Displays verliert dieser Effekt an Selbstverständlichkeit.

Zwar zeigen aktuelle Studien, dass Digital Signage derzeit noch ein wirkungsstarkes Medium mit messbarem Einfluss auf Kaufentscheidungen ist. Bis zu 83 Prozent der Inhalte werden erinnert. Ein signifikanter Teil der Konsumenten trifft Kaufentscheidungen auf Basis von DOOH-Inhalten, also Werbebildschirmen im öffentlichen Raum.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist davon auszugehen, dass besonders die aufmerksamkeitsstarken, animierten Banner und Video-Ads auf Großbildschirmen ähnliche Mechanismen wie Online-Werbung aktivieren.

Denn ein zentrales Problem ist die zunehmende Reizüberflutung für den einzelnen Passanten. Je mehr Screens im urbanen Raum installiert werden, desto stärker konkurrieren sie um begrenzte Aufmerksamkeit. Die Folge ist ein Sichtbarkeitsparadox: Trotz wachsender Reichweiten sinkt die effektive Wahrnehmung einzelner Inhalte.

Hinzu kommt der Gewöhnungseffekt. Wiederholte Botschaften verlieren schnell ihre Wirkung. Dadurch sinken Engagement und Erinnerungsleistung. Forschungen belegen, dass wiederholte Exposition zu geringerer emotionaler Beteiligung führt.

Für die Druck- und Werbetechnikbranche, die immer öfter auch Digital Signage oder Kombinationen aus Druck und Bildschirm für Werbekampagnen erstellt, wird dadurch wohl zumindest mittelfristig ein Problem entstehen. Denn mit sinkender Aufmerksamkeit der Endkunden wird es schwer werden, die Kosten für aufwendige Digital-Signage-Installationen weiterhin zu rechtfertigen.

Am POS sind Bildschirme allgegenwärtig, aber dringen ihre Inhalte noch beim Konsumenten durch? Foto: Sonja Angerer

Strategien gegen Digital-Müdigkeit für Digitale Beschilderung

Die Herausforderung besteht also darin, Digital Signage so zu gestalten, dass das Medium trotz sinkender Aufmerksamkeit relevant bleibt. Dafür zeichnen sich mehrere Ansätze ab, die insbesondere für die Werbetechnik und den Digitaldruck neue Chancen eröffnen.

Relevanz und Kontext statt Dauerbeschallung

Entscheidend ist die Qualität der Inhalte. Relevante, an die Situation angepasste Botschaften erzielen deutlich höhere Aufmerksamkeit als Werbung ohne konkreten Kontext. Datenbasierte Inhalte, etwa aus Wetter- oder Standortinformationen, steigern die Wahrnehmung und verhindern Desinteresse.

Dynamische und personalisierte Inhalte

Die Integration von Datenquellen ermöglicht eine gezielte Ansprache. Personalisierte Inhalte können die Relevanz erhöhen. Mehrere Studien zeigen, dass zielgerichtete Inhalte Engagement deutlich steigern und die Wirkung verlängern können.

Kreative Vielfalt und Content-Rotation

Ein zentraler Treiber von Digital-Müdigkeit ist Wiederholung. Deshalb gilt: Inhalte müssen regelmäßig erneuert werden. Schon wenige Wiederholungen können zu einem messbaren Rückgang der Aufmerksamkeit führen. Variationen in Gestaltung, Animation und Storytelling helfen, die Wahrnehmung aufrechtzuerhalten.

Interaktive und multisensorische Ansätze

Interaktive Displays erzielen nachweislich höhere Engagement-Raten. Touchscreens oder QR-Integration erhöhen die Interaktion und verlängern die Verweildauer. Zugleich gewinnen hybride Konzepte an Bedeutung. Die Kombination aus Digital Signage und klassischen Druck schafft eine neue Qualität der Wahrnehmung, da sie digitale und haptische Reize verbindet.

Reduktion als Strategie

Nicht jede Fläche muss permanent bespielt werden. Reduzierte Inhalte oder bewusst gesetzte Pausen können im überreizten Umfeld sogar auffälliger wirken. In einer Umgebung voller bewegter Bilder entsteht Aufmerksamkeit oft durch Kontrast.

Digital-Müdigkeit als Treiber für bessere Kommunikation

Digital-Müdigkeit verändert die Anforderungen an visuelle Kommunikation grundlegend. Für die Branche bedeutet dies eine Verschiebung vom reinen Produktionsgeschäft hin zu strategischer Beratung. Denn Digitale Müdigkeit ist keine vorübergehende Erscheinung, sondern Ausdruck einer überlasteten Aufmerksamkeitsökonomie. Für digitale Beschilderung bedeutet das eine klare Herausforderung, aber auch eine Chance zur Weiterentwicklung.

Print erlebt dabei eine neue Relevanz als Gegenpol zur digitalen Reizüberflutung. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsfelder durch die Kombination von analogen und digitalen Medien. Anbieter, die beide Welten integrieren, können ganzheitliche, hoch wirksame Kommunikationserlebnisse gestalten.