Mikrofabriken mit digitalem Textildruck lösen viele Probleme, mit denen die Textilindustrie zu kämpfen hat. Denn sie verlagern die Produktion individueller Kleidungsstücke näher an die Märkte heran. Dies verringert den CO₂-Fußabdruck und beugt Abfall vor. Warum gibt es davon in Europa nicht mehr?

Was sind Mikrofabriken?

Mikrofabriken werden im Allgemeinen als kompakte, hochautomatisierte Produktionsumgebungen definiert, die auf digitale Technologien und flexible Arbeitsabläufe setzen. In der Textilindustrie werden Stoffe nicht mehr in großen Mengen vorgefertigt. Stattdessen werden sie entsprechend den Kundenanforderungen digital bedruckt, zugeschnitten und konfektioniert. Zu diesem Zweck kommen häufig weitere digitale Produktionsverfahren zum Einsatz, wie beispielsweise digitales Zuschneiden, automatische Nähmaschinen oder moderne Strickmaschinen.

Mikrofabriken befinden sich häufig in Einkaufszentren. Ein Beispiel hierfür ist die„Shift Microfactory“ im Bikini Berlin. Sie wurde im März 2025 im Rahmen einer Kooperation zwischen der School of Management and Law und VORN eröffnet und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt. Verbraucher können dort jedoch nicht einkaufen. Die Initiative ist als Lernort für Modedesigner und Studierende gedacht.

Epson unterstützt das Microfactory Future Fashion Lab Hamburg (FABRIC) in der Galleria Passage. Das Design, die Produktion und der Verkauf nachhaltiger Mode erstrecken sich über drei Etagen und richten sich an Fachleute und Studierende aus der Mode- und Textilbranche. Seit 2024 können sie dort mit Hilfe verschiedener Epson-Drucker Einzelstücke und Kleinserien entwerfen und produzieren. Im Rahmen von Veranstaltungen und Pop-up-Aktionen haben Kunden die Möglichkeit, die Modeartikel zu erwerben.

Kim Lea Kaufmann, Leiterin der Werkstatt des FABRIC Future Fashion Lab, erklärt: „Wir legen großen Wert auf Nachhaltigkeit, Upcycling, Recycling und nachhaltige Geschäftsmodelle abseits der Fast Fashion.“

Website von Multi-Plot Europe, in der Mitte: Dipl.-Ing. Joachim Rees, Geschäftsführer und Experte für digitalen Textildruck und Textil-Mikrofabriken.

Herausforderungen der Textilindustrie: Ist die Mikrofabrik die Lösung?

Die Textilindustrie steht unter großem Druck. Überproduktion, instabile Lieferketten und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen sind die Hauptprobleme. Branchenanalysen zufolge werden jedes Jahr immer noch Millionen Tonnen unverkaufter Textilien vernichtet. Dies ist nicht nur umweltschädlich, sondern auch wirtschaftlich nicht tragbar.

„Als Spezialist für digitalen Textildruck und Textil-Mikrofabriken halte ich das Thema nach wie vor für strategisch relevant“, sagt Joachim Rees, Geschäftsführer der Multi-Plot Europe GmbH. „Meine Sichtweise ist jedoch auch wesentlich pragmatischer als noch vor einigen Jahren. In Deutschland und Europa nimmt die lokale Produktion nicht pauschal zu, sondern selektiv: überall dort, wo Markteinführungszeit, Produktvielfalt, Personalisierung und Risikominderung die entscheidenden Faktoren sind.“

Gleichzeitig steht die Textilindustrie in der Europäischen Union unter erheblichem Druck durch steigende Kosten, schwache Nachfrage und Importkonkurrenz. Dies bremst Investitionen in Mikrofabriken, insbesondere dort, wo die Wirtschaftlichkeit nicht eindeutig gegeben ist. Neue Online-Vertriebskanäle, die durch KI bei Design, Vertrieb und Marketing über soziale Netzwerke unterstützt werden, bieten jedoch gute Voraussetzungen für den Erfolg.“

Epson setzt sich auch weiterhin für das Konzept der Mikrofabriken ein, da diese Produktionsmethode laut Epson Deutschland sehr gut zur Unternehmensstrategie passt und den Kunden wesentliche Vorteile bietet:

„Mikrofabriken verbessern die Effizienz der Ressourcennutzung innerhalb der Produktionslinie und senken den CO₂-Fußabdruck sowie die Kosten aufgrund des deutlich geringeren logistischen Aufwands. Zudem erhöhen sie die Zuverlässigkeit einer Lieferkette, indem sie Risiken aufgrund von Handelsbarrieren, Zöllen und anderen Störungen vermeiden.“

Die „Future Fashion Lab Microfactory“ in Hamburg. Epson Deutschland unterstützt die Initiative, und dort wurden einige Epson-Drucker für den Textildruck installiert. Foto: Epson.

Chancen für Druckdienstleister und Hersteller

„Die bedarfsgerechte Produktion vor Ort vermeidet Verschwendung, kann die Kosten erheblich senken und erhöht dank kleiner, unabhängiger Fertigungsschritte die Flexibilität einer Produktionskette. All dies sind Faktoren, die die Marktposition eines Herstellers stärken und eindeutig für die Mikroproduktion sprechen“, so Epson Deutschland: „Aus diesem Grund bieten wir ein breites Portfolio an geeigneten Lösungen an, die effiziente und kostengünstige Mikrofabriken ermöglichen.“

„Ich sehe eine stabile Zukunft für Mikrofabriken mit Digitaldruck, jedoch nicht als Einheitslösung“, sagt Joachim Rees. „Wachstum entsteht vor allem dort, wo On-Demand-Produktion und Kleinserien gefragt sind – also schnelle Reaktionszeiten, viele Varianten und weniger Lagerbestände. Der Hype um den DTF-Textildruck ist ein gutes Beispiel dafür. Anstelle einer großen Megafabrik wird sich ein Netzwerk aus mehreren kleineren Standorten in der Nähe des Absatzmarktes durchsetzen, um Lieferzeiten zu verkürzen und Risiken zu streuen.“

Auch die Vereinfachung der Prozesse und vor allem die Automatisierung werden von entscheidender Bedeutung sein: Je besser die Arbeitsabläufe und die Abwicklung automatisiert sind, desto geringer sind die Durchlaufzeiten und die Komplexität.“

Rees zieht jedoch auch ganz klare Grenzen: „Massenware wird weiterhin dort produziert, wo die Stückkosten unschlagbar sind. Mikrofabriken punkten nicht durch den günstigsten Preis, sondern durch Schnelligkeit, Variantenvielfalt, geringeres Risiko und oft auch durch Nachhaltigkeitsaspekte. Ob sich dies auszahlt, hängt stark vom jeweiligen Geschäftsmodell ab: Kapazitätsauslastung, Prozessstabilität, Farbmanagement, Materialhandhabung, Datenqualität, Qualitätssicherung, Know-how und Energiepreise sind die typischen Faktoren.“

In der Praxis wird sich die Mikrofabrik als Betriebsmodell etablieren: KI-gestützter Arbeitsablauf, hochwertiger digitaler Textildruck, softwaregesteuerte Auftrags- und Produktionssteuerung sowie automatisierte Endbearbeitung und Handhabung über den gesamten Prozess hinweg. Die Gewinner werden Druckdienstleister sein, die nicht nur drucken, sondern auch durchgängige Lösungen anbieten – vom Webshop/ERP über die Produktion bis hin zu Versandetiketten.“

Entdecken Sie Textil 2026

Die Textile 2026, die parallel zur FESPA Global Print Expo in Barcelona (19.-22. Mai 2026) stattfindet, ist ein Ort, an dem Funktion, Druck und Produktion zusammenkommen, um die Zukunft der Textilien zu gestalten. Besucher können bis zum 20. April Super-Frühbucher-Tickets für 55 € erwerben, indem sie den Code FESG601 verwenden.