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Wie steht es eigentlich … um den Solvent-Druck?

von Sonja Angerer | 13.04.2021
Wie steht es eigentlich … um den Solvent-Druck?

In den Medien liest man wenig vom lösemittelhaltigen Tinten. Doch der Solvent-Druck kann seinen Marktanteil behaupten. Und das liegt nicht nur an der Krise.

Das Bayer-Haus als Aspirin-Schachtel, die Bavaria im Urlaub, der Berliner Fernsehturm als Fußball – viele berühmtesten Inkjet-Applikationen in Deutschland wurden mit Lösemitteltinten gedruckt. Doch die genannten Beispiele sind rund zwei Jahrzehnte her. Heute, so scheint es, hätten Latex- und UV-härtende Tinten den Druck mit lösemittelhaltigen Tinten obsolet gemacht.

Doch das Bild bekommt schnell Risse. Ein Studie von Infosource, die Mimaki kürzlich auf einem Webinar präsentierte, bescheinigte dem Solvent-Druck im Jahr 2020 im Rolle-zu-Roll-Druck in Breiten zwischen 42 und 71 Zoll einen Marktanteil von erstaunlichen 59 Prozent. Von 2017 auf 2018 hatte sich die Zahl zwischenzeitlich auf 54% vermindert, seither steigt der Anteil wieder, vor allem auf Kosten des Latex-Drucks. Folgerichtig haben Unternehmen wie Mimaki, Mutoh und Roland DG auch heute noch Solvent-Drucker im Angebot. Mimaki hat mit den Modellen JV100-160 sowie CJV300-160 Plus (Print & Cut) eben sogar ganz neue Produkte auf den Markt gebracht.

Bildunterschrift: Wo Sicken und Wölbungen beklebt werden müssen, kommen fast immer Lösemitteldrucke auf gegossenen (PVC)-Folien zum Einsatz. Foto: S. Angerer

Was ist noch mal das Problem mit dem Solvent-Druck?

Historisch arbeiteten die ersten Inkjet-Drucker, mit denen man außenraumtaugliche Drucke herstellen konnte, mit lösemittelhaltigen Tinten. Die erste Generation dieser Tinten enthielt sehr viele „flüchtige organische Lösungsmittel“ (VOCs), die ernste gesundheitliche Auswirkungen haben können. Die Produktionsräume erforderten deshalb starke Absaugeanlagen, zum Teil sogar Abscheider.

Heute bezeichnet man diese Tinten als „Hard Solvent“-Tinten. Der starke Geruch und Dampfe, die Verarbeiter zum Teil benommen machten, führten dazu, dass die Lösungsmitteltinten der ersten Generation ab der Jahrtausendwende durch Eco / Mild / Low-Solvent-, später auch UV-härtende und Latex-Tinten ersetzt wurden.

In den heutigen Eco / Mild / Low-Solvent-Tinten kommen generell wesentlich weniger Lösemittel, vor allem aber ganz andere Chemikalien zum Einsatz. Das hat dazu geführt, dass beispielweise die Eco-Sol Max 3-Tinte von Roland DG Greenguard- und Greenguard-Gold-zertifiziert werden konnte. Das bedeutet, dass die Drucke beispielsweise in Schulen und Krankenhäusern eingesetzt werden können. Denn sie erfüllen strengste Standards für niedrige Emissionen von flüchtigen organischen Verbindungen in die Raumluft. Auch in den Produktionsräumen werden deshalb keine Belüftungen oder Filter mehr benötigt.

Bildunterschrift: Zum Schutz gegen mechanischen Abrieb werden auch Drucke mit lösungsmittelhaltigen Tinten meist laminiert. Doch zuvor müssen die Folien mindestens 24 Stunden ruhen. Foto: S. Angerer

Warum gibt es heute noch so viele Drucker mit lösemittelhaltigen Tinten?

In Vergleich zu Druckern mit UV-härtenden und Latex-Tinten sind Lösemitteldrucker zum Teil sehr preisgünstig, relativ einfach zu warten und auf einer großen Zahl günstiger Bedruckstoffe einsetzbar. Die Tinten selbst sind ziemlich preisgünstig. Denn es gibt eine ganze Reihe von Herstellern, die lösemittelhaltige Tinten als Drittanbieter auf den Markt bringen. Unternehmen wie die easy inks GmbH stellen sie sogar selbst in Deutschland her.
In Vergleich zu anderen Druck-Techniken benötigen Drucker mit Lösemittel-Tinten verhältnismäßig wenig Energie. Diese Tatsache wird bei Diskussionen um die Umweltverträglichkeit der verschiedenen Drucktechnologien zwar gerne ausgeklammert. Für die Betreiber des Druckers ist der Energieverbrauch jedoch schon allein deshalb wichtig, weil die Stromkosten in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch sind.
 
Da es sich beim Solvent Druck um eine ausgereifte Technologie handelt, sind bestehende Maschinen sehr lange im Einsatz. In der gegenwärtigen Krise dürfte auch die allgemeine Zurückhaltung der Druckdienstleiter ein Rolle spielen, größere Neuinvestitionen zu wagen.

Wofür werden lösemittelhaltige Drucke eingesetzt?

Die meisten Maschinen mit Lösemitteltinten findet man im „kleinen“ Großformat bis ca. zwei Meter Druckbreite. Große LFP-Projekte, bei denen ganze Gebäude verhüllt wurden, sind selten geworden. Deshalb reicht ein Rollendrucker mit etwa 1,60 Meter / 64 Zoll (Inch) für viele Druckdienstleister im Alltagsgeschäft aus.

Aktuelle Eco / Mild / Low-Solvent-Tinten mit ihrem geringen Anteil an flüchtigen organischen Lösemitteln riechen deutlich weniger als „Hard Solvent“-Drucke. Deshalb werden sie auch in Innenräumen eingesetzt, etwa im Laden- und Messebau sowie für POS-Anwendungen.
Ein Solvent Drucker kann bei einem kleinen Druckdienstleister oder Werbetechniker deshalb praktisch alle Standard-Anwendungen abdecken. Ein großer Teil der Lösemitteldrucke kommen jedoch speziell für Aufkleber und Folien zur Fahrzeugverklebung zum Einsatz.

Warum werden Lösemitteldrucke bei der Fahrzeugverklebung eingesetzt?

Vor allem wenn Fahrzeuge komplett beklebt werden, müssen Folierer tiefe Sicken, scharfe Kanten und Rundungen mit kleinen Radien bewältigen. Dabei wird die Folie zum Teil stark gedehnt. Bei Tinten, die nur auf der Oberfläche der Folie liegen, kann das zu Weißbruch führen. Der Druck bekommt also eine Art weißen „Schwangerschaftsstreifen“, wenn man ihn zu stark auseinanderzieht, die Grafik wird dadurch unbrauchbar.

Lösungsmittelhaltige Tinten greifen die Oberfläche der Folie leicht an. Die Pigmente lagern sich dadurch in der Folie ein, sodass selbst heftiges Stretchen die Grafik nicht so leicht beschädigt. Zudem werden die Folien durch den Druck mit lösemittelhaltigen Tinten etwas weicher. Das bevorzugen viele Folierer, weil man dadurch zum Stretchen weniger Kraft benötigt.

Je nach genauer Zusammensetzung sind Tinten mit Lösungsmittel-Anteil allerdings nicht sehr kratzfest. Das ist vor allem ein Problem, wenn ein Fahrzeug regelmäßig in eine Waschanlage gefahren werden muss. Die meisten Profi-Verkleber laminieren deshalb Drucke mit Lösemitteltinten zum Schutz vor mechanischem Abrieb.

Die Weiterverarbeitung ist jedoch der größte „Pferdefuß“ bei den lösemittelhaltigen Tinten. Denn die Hersteller empfehlen meist, vor dem Laminieren mindestens 24 Stunden zu warten. Erfahrene Verkleber warten sogar bis zu 72 Stunden, um Blasenbildung und eine Ablösung des Schutzlaminats sicher auszuschließen.

Die verhältnismäßig lange Wartezeit zum „Ausgasen“ von Lösemitteldrucken ist nach Meinung von Experten auch der Grund, warum lösemittelhaltige Tinten bei neuen Druckern über zwei Meter Arbeitsbreite nur noch selten zum Einsatz kommen.

Alternativen wie der Latex- und der UV-Rollendruck gewonnen wegen dieses Nachteils bei der Weiterverarbeitung auch für die Fahrzeugverklebung an Bedeutung. Besonders mit gegossenen Hochleistungsfolien, etwa von Avery Dennison, kann man auch gewölbte und vertiefte Flächen an Fahrzeugen mit Drucken mit UV-härtenden und Latex-Tinten bekleben. Hier gibt es praktisch kein Wartezeit.

Wie geht es mit Lösungsmittel-Drucken weiter?

Die gegenwärtige, krisenbedingte Zurückhaltung vieler Druckdienstleister bei Neuinvestitionen lässt erwarten, dass bestehende Lösemitteldrucker kurzfristig kaum zugunsten anderer Technologien ausgetauscht werden. Doch auch bei notwendigen Ersatzinvestitionen werden sich womöglich derzeit viele Unternehmen nicht für einen Technologiewechsel entscheiden. Denn dieser bedeutet immer auch einen gewissen Zusatzaufwand, weil Abläufe umgestellt werden müssen.

Es ist also zu erwarten, dass der Solvent-Druck so schnell nicht verschwinden wird, auch wenn es in der Öffentlichkeit manchmal so wahrgenommen wird.
 

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