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Immer schnittig: Print und Cut

von Sonja Angerer | 23.02.2021
Immer schnittig: Print und Cut

Konturgeschnittene Aufkleber waren schon ein den 1980er Jahren die erste weit verbreitete digitale Druckanwendung. Wie sieht die heutige Situation im Lichte der Geschichte aus, und welche Zukunft darf man für Print und Cut-Applikationen erwarten?

Heutzutage gelten viele Print und Cut-Anwendungen als eher alltäglich. Da klingt es beinahe wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit, dass die Applikation einmal als Hightech betrachtet wurde. Das war in den 1980er Jahren, als die erste Welle von Plottern und Schneideplottern nach Europa schwappte. Viele der Maschinen kamen damals aus Japan und waren ziemlich teuer. Sie konnten nur relativ begrenzte Schriftschnitte und Formen ausgeben.
 
Dennoch wurden diese frühen Plotter fast sofort zu einem Erfolg, und in der Folge das Fundament einer ganzen Reihe von neuen, kleinen Unternehmen. Sie boten lokal Dienstleitungen an, die es zuvor so noch nicht gab, also etwa Aufkleber in kleinen Auflagen und Fahrzeugbeklebung.
 
Denn zum ersten Mal in der Geschichte der grafischen Industrie war es nun möglich, digitale Daten als Druck oder Konturschnitt sofort Realität werden zu lassen. Teure Stanzformen und Druckplatten brauchte man dazu nicht mehr. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Computern mit höherer Rechenleistung wurden Plotter und Schneideplotter nach und nach immer leistungsfähiger. Schließlich konnten sie fast jede Form und beliebige Fonts ausgeben.
 
Allerdings war „Print and Cut“ ziemlich lange auf flexible Medien beschränkt. Der Arbeitsablauf, auch wenn er streng genommen „digital“ war, erforderte noch immer sehr viel Handarbeit. Der gedruckte Bogen musste im Schneidplotter eingespannt und die vektorbasierten Schnittlinien geladen werden. Gerade die Ausrichtung erwies sich dabei immer wieder als durchaus langwierig.
 
In den 2010er Jahren setzte sich der digitale Flachbettdruck endgültig durch. Als man mit UV-härtenden Tinten endlich direkt auf starre Medien drucken konnte, begeisterten sich die Print Buyer schnell für alle möglichen konturgeschnittenen Applikationen. Digitale Schneide- und Frästische, zum Beispiel von Zünd oder Esko, waren bereits seit der Jahrtausendwende in verschiedene Branchen verbreitet.
 
In der Werbetechnik wurden Laserschneider zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon seit einiger Zeit eingesetzt. Denn sie ermöglichen beim Schneiden von Plexiglas klare Kanten, die wie poliert aussehen. Die Vakuumtische mit motorisierten X/Y-Schneide- oder Laserköpfen ermöglichten nun auch in der Digitaldruck-Industrie den digitalen Konturschnitt auf marktgängigen Materialien wie Leichtschaumplatten und Wabenkarton.

Print und Cut –  damals und heute

BILDUNTERSCHRIFT: Dieses bezaubernde POS-Display konnte nur durch digitale Druck- und Schneideoptionen produziert werden. Foto: S. Angerer
 
Schon mit den frühen Schneidplottern wurde weißes, bedrucktes und farbiges Vinyl in großen Mengen zu beliebten Produkten wie Aufklebern, Etiketten, Rennstreifen, Fahrzeugverklebungen und Wegeleitungen verarbeitet. Als Flock- und Flexfolie für digitale Schneideplotter verfügbar wurden, eröffnete sich plötzlich außerdem eine ganz neue Welt der Bekleidungsdekoration.
 
Mit den heutigen leistungsstarken digitalen Schneidetischen ist es möglich, eine Vielzahl von Artikeln in kleinen und Einzelauflagen zu produzieren, etwa POS-Anwendungen, Verpackungen und sogar Möbel. Bis vor etwa fünf Jahren war die Herstellung noch eher handwerklich geprägt. Viele Druckdienstleister mussten daher sehr große Weiterverarbeitungsabteilungen mit entsprechend hohen Lohnkosten unterhalten.
 
Doch mit schrumpfenden Margen und immer kürzeren Durchlaufzeiten erfasste eine erste Automatisierungswelle die Print und Cut-Applikationen. Ihr Hauptziel war es, die den Konturschnitt
mit dem Druck zu „verheiraten“, ohne dass ein Mensch eingreifen musste. Vorbild dabei waren möglicherweise Print und Cut-Kombimaschinen wie die Roland DG TrueVis-Serie. Weil das bedruckte Rollenmaterial im Drucker auch gleich konturgeschnitten werden kann, muss man nicht aufwendig be- und entladen.
 
In der zweiten Automatisierungswelle wurden Schneidetische mit Transportbändern eingeführt. Stapel- und Abstapelvorrichtungen gab es bald nicht nur für Flachbettdrucker, sondern auch für Schneidetische.

Firmen wie Mutoh  und HP führten „Print 2 Cut“-Lösungen für flexible Medien ein. Zwar gab es nun wieder zwei dezidierte Maschinen für Digitaldruck und Konturschnitt, doch die Integration via Software war sehr eng. Heute kann fast jedes RIP Schnittlinien an einen Schneidplotter oder Schneidetisch übergeben.

Weitere Wellen der Automatisierung

BILDUNTERSCHRIFT: Digital Print and Cut ermöglichte eine Vielzahl von individualisierten Konsumgütern wie diesen weihnachtlichen Bierdeckel. Foto: S. Angerer
 
Die dritte Welle von Print and Cut-Automatisierung kam fast gleichzeitig mit der zweiten. Hersteller wie Zünd oder Canon / Océ präsentierten um 2018 kollaborative Roboter. Sie waren in der Lage, Hand in Hand mit Menschen langweilige, aber sehr notwendige Aufgaben zu erledigen, wie beispielswiese das Absammeln und Sortieren konturgeschnittener Produkte vom Schneidetisch.
 
Springen wir in die Jetztzeit.  Die derzeitige vierte Welle im Print und Cut geht einher mit der allgemeinen weiteren Automatisierung der Druckproduktion. Derzeit entwickelt sich die Druckindustrie in Mitteleuropa gerade von einem weitgehend handwerklichen zu einem volldigitalen, industrialisierten Prozess. Das fängt bei der Unternehmenswebsite an und geht über das Angebotsmanagement, die Datenanlieferung, die Druckvorstufe, den Druck und die Weiterverarbeitung bis hin zur Logistik und Abrechnung. Es gibt Software-Suiten wie Caldera Nexio und StreamLive, HP Site Flow oder die EFI Fiery Workflow Suite, die bei diesem Prozess helfen. Viele Unternehmen investieren aber auch in individuelle Lösungen, die ihre bereits vorhandenen Software-Punkte zu einem einheitlichen und hoch automatisierten Workflow verbinden.

Wie sieht die Zukunft von Print und Cut aus?

Da viele B2B-Anwendungen zumindest noch ein paar Monate lang wenig nachgefragt werden, kann Print and Cut mit seiner einzigartigen Fähigkeit glänzen, „echte Gegenstände“ zu ermöglichen. Diese kann man oft gut an  
Endverbraucher vermarkten. Von Auto- und Wanddekoration über Aufkleber, Bekleidung und Schachteln bis hin zu personalisierten Geschenken und Möbeln gibt es jede Menge Ideen für kleine Auflagen oder sogar individualisierte, margenstarke Anwendungen.
 
Über Webshops ist der Zugang zu Kunden in aller Welt leicht wie nie. Damit bieten clevere Print und Cut-Applikationen Druckdienstleistern nicht nur die Möglichkeit, die Krise irgendwie zu umschiffen. Sondern sie erlauben auch eine Vielzahl von hochprofitablen neuen Geschäftsmöglichkeiten.

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